Redet miteinander! Was das Social Web für deutsche Politiker tun kann

Twitternde PolitikerSoziale Medien werden die Bundestagswahl 2013 nicht entscheiden. Das Social Web kann künftig aber viel für die Politik in Deutschland tun. Die Politiker müssen nur wollen.

Vergiften Debatten auf Twitter das gesellschaftliche Klima? „Eine Art neozynisches Selbstverständnis hat die Oberhand gewonnen“, schreibt der italienische Autor Roberto Saviano in der Zeit über Twitter und beklagt zunehmende Beschimpfungen und Häme.

Der Umgang in sozialen Netzwerken ist häufig ein Problem. Sich deshalb aus ihnen zurückzuziehen aber nicht die Lösung.

„Social Media ist längst kein Hype mehr, die neuen Medien sind fest in unserem Alltag verankert“, stellt der Unternehmensberater Klaus Eck in einem Beitrag zu Social Media in der Politik fest. Denn: Mehr als 25 Millionen Deutsche sind auf Facebook, schätzungsweise über eine Million auf Twitter aktiv.

Als Politiker kann man das ignorieren – oder sich damit befassen.

Misst man die Präsenz deutscher Politiker in Zahlen, ist das Ergebnis derzeit noch ernüchternd: Zwischen 30.000 und 50.000 Follower haben die Top-Twitterer unter den Politikern. In Relation zu den Nutzerzahlen sind die Facebook-Fanzahlen noch geringer.

Die akuten Auswirkungen auf den Bundestagswahlkampf sind überschaubar: „Das Netz ergänzt den Wahlkampf auf einem neuen Kanal“, sagt der Wissenschaftler Andreas Jungherr in einem Gespräch mit der HNA. Die Parteien wissen laut Jungherr mittlerweile aber viel genauer als 2009, auf welchen Kanälen sie wen ansprechen können.

Jede Partei beschäftigt sich also mit dem Thema. Doch wie nutzen sie die Möglicheiten konkret?

Vor einigen Tagen hat Statista mit SimilarWeb ausgewertet, wie viel Traffic die deutschen Parteien von sozialen Netzwerken bekommen: Laut dem Schaubild kommen zehn Prozent der Besucher auf der CDU-Seite mittlerweile über soziale Netzwerke – eine beachtliche Zahl.

Quelle: Statista

Quelle: Statista

Aber ist es das vorrangige Ziel von Twitter und Facebook, Klicks für SPD.de oder CDU.de zu generieren? Vielleicht zum Teil, aber soziale Netzwerke können viel, viel mehr, denn: Twitter ist ein Kommunikations- und kein Verlautbarungskanal. Schaut man sich an, welche Politiker auf Twitter erfolgreich sind, stellt man fest: Es sind die, die mit ihren Followern sprechen.

Ich weiß gar nicht, wie die Partei-Seiten von SPD, CDU oder den Grünen konkret aussehen. Politische Themen erreichen mich auf anderen Wegen. Ich sehe einen klugen Kommentar auf Facebook, eine interessante Diskussion auf Twitter, einen spannenden Artikel. Kurz: Ich lasse mich da abholen, wo ich ohnehin bin und in Themen reinziehen, die über meine Kreise, Kontakte und Leuten, denen ich folge, geteilt werden. Ich bin nicht mehr dort, wo von der Kanzel herab doziert wird.

Kurioserweise gilt das nicht nur für Politiker, sondern auch für Journalisten.

Gute Beispiele von Politikern im Umgang mit sozialen Medien gibt es auch in Deutschland. Peter Altmaier, Dorothee Bär oder Volker Beck haben für sich die jeweils richtige Balance zwischen Beruf, Privatheit, Nähe und Distanz bei Twitter gefunden. Sie diskutieren auf Augenhöhe und authentisch, stellen so Nähe und Transparenz her – genau das, woran es in der Politik häufig kränkelt. Ein Mehrwert, sozialer Netzwerke sei Dank.

Worum es dabei gerade nicht geht, ist ausnahmslos alles öffentlich auszutragen: „Politiker, die sich gegenseitig auf Twitter beschimpfen, die jede persönliche Beleidigung in Blogeinträgen auswalzen und die jede Verfehlung eines Kreisvorstands behandeln, als wäre sie ein Staatsskandal, braucht nun wirklich niemand“, schreibt die Journalistin Hannah Beitzer in ihrem Buch „Wir wollen nicht unsere Eltern wählen“.

Deutsche Politiker sollten sich viel häufiger mutig in das Kommunikationsgetümmel der sozialen Netzwerke stürzen, dort hingehen, wo sie die Leute abholen können. Das kann manchmal schmerzhaft sein. Und niemand muss sich dort alles gefallen lassen.

Doch wer das richtige Gefühl für ein Netzwerk entwickelt, profitiert. Und er merkt schnell: Es reicht nicht, seine 20-minütige Rede aus dem Bundestag auf Youtube zu stellen und via Facebook zu teilen. Und es gehört auch mehr dazu, als seine Facebook-Seite durch Anzeigen im Netzwerk zu pushen, wie es Angela Merkel, die SPD und viele weitere nun vor der Bundestagswahl tun.

Soziale Netzwerke sind nicht die Retter der Politik. Aber sie können Politikern und Bürgern einen erheblichen Mehrwert bieten. Sie sollten so alltäglich in die Kommunikation zwischen Bürgern und Politikern integriert sein, wie sie ohnehin schon im Alltag vieler Menschen genutzt werden.


Lesetipp:
Studie beschreibt, wie sich deutsche Politiker auf Twitter inszenieren

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