Studie beschreibt, wie Politiker sich auf Twitter inszenieren

Twitternde Politiker

Accounts, die in der Studie untersucht wurden. Die Größe entspricht der Anzahl der Follower. Den Account von @Volker_Beck hat das Wordle-Tool getrennt dargestellt

Wie kommunizieren Politiker auf Twitter und welche Möglichkeiten ergeben sich daraus? Hierzu haben Dr. Jasmin Siri und Dipl. Soz. Katharina Seßler im Auftrag des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik Ende März eine Studie veröffentlicht: “Twitterpolitik. Politische Inszenierungen in einem neuen Medium.”

Siri und Seßler haben einen Monat lang die Twitter-Kommunikation von 13 deutschen Politikern quantitativ und qualitativ untersucht. In der Studie beschreiben sie, wie deutsche Politiker sich auf Twitter präsentieren.

Ich finde die Definition der Twitter-Typen sehr spannend. Sie verdeutlichen dass es für Politiker gar nicht einfach ist, die richtige Balance zwischen Beruf, Privatheit, Nähe und Distanz für sich als Person auf Twitter zu finden. Umso wichtiger ist es, dass man sich dessen bewusst ist.

Nachfolgend habe ich – deutlich verkürzt – die vier Twitter-Typen zusammengefasst. Dazu habe ich die jeweiligen Typen mit aktuellen Beispielen meiner Twitter-Politiker-Liste belegt. Wer sich näher für das Thema interessiert, dem kann ich die Lektüre der 70-seitigen Studie empfehlen.

1. “Tweets strictly to the role” (S. 28 ff)

Siri und Seßler unterteilen diesen Typ in zwei Arten:

1.1 Hiermit sind Politiker gemeint, die ausschließlich in ihrer Rolle als Akteur der Politik auftreten. Der Politiker twittert zum Teil gar nicht selber, sondern überlässt es seinen Mitarbeitern, Tweets zu verfassen. Meistens gleichen sie allgemeinen parteipolitischen Aussagen und könnten so auch auf anderen Kanälen laufen.

https://twitter.com/peersteinbrueck/status/323394880409845760

“Folglich lesen sich die 140-Zeichen-Nachrichten kaum als persönliche Nachricht, sondern eher als verlängerter Arm der Parteipressestelle”, schreiben Siri und Seßler. Die Effekt: Die Person dahinter verschwindet. Die Möglichkeit, bei Twitter Nähe herzustellen, wird nicht genutzt.

1.2 Eine Unterscheidung machen die Siri und Seßler bei Politikern, die ebenfalls in ihrer Rolle auftreten, dies aber in einem persönlicheren Ton tun. Dabei wird der Mensch hinter dem Account sichtbar. Die Tweets können auch ironisch und humoristisch sein und den Gegner direkt ansprechen.


2. Twittern zur Prozesstransparenz (S. 35 ff)

Politiker teilen auf Twitter mit, wie ihr Tagesprogramm aussieht, welche Termine anstehen, wohin sie unterwegs sind, welche Begegnungen sie beeindruckt haben oder wo sie gerade auf Reisen sind.

“Dem Publikum wird die persönliche Erfahrung des Politikeralltags präsentiert”, so Siri und Seßler. Auch hier können Politiker durch ironische und witzige Tweets und einen Schreibstil abseits des Politikersprechs Nähe und Anschlussfähigkeit herstellen.

3. Unverfänglich menschlich (S. 41 ff)

Mit diesem Typ beschreiben Siri und Seßler Tweets zu Themen abseits der Politik, die einen kleinen Einblick in das private Umfeld geben, allerdings nicht zu viel verraten. Das können z.B. Tweets zu TV-Sendungen (#tatort, #wettendass), Sportveranstaltungen oder dem Lielbingsverein sein.

Der Effekt: Politiker geben einen kleinen Einblick hinter die Fassade der offiziell bekannten Person. Sie zeigen damit, dass Politiker auch nur ganz normale Menschen mit persönlichen Vorlieben sind und an einem Samstagabend, wie viele Millionen andere Deutsche, auch mal vor dem Fernseher sitzt.

4. Publicy Private (S. 46 ff)

Als Publicy Private beschreiben Siri und Seßler Twitter-Typen, bei denen der Dienst auch zum Leben auch der Politik gehört. Die Rollen zwischen Privatperson und Politiker sind hier verschwommen. Zu ihren Tweets gehören ganz selbstverständlich private Momente und Gefühle außerhalb der Politik. Eine Distanz zwischen Politiker und Publikum gibt es kaum.
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Laut den Autoren kann die “Typologie” der Twitter-Typen “möglicherweise” auch auf Journalisten angewendet werden (S. 61). Die Übergänge zwischen den Rollen sind bei den Politikern fließend: Die Akteure springen zum Teil zwischen den Typen hin und her.

Besonders spannend fand ich außerdem noch mehrere Aussagen und Rückschlüsse der Studie

  • Ein zum Teil kumpelhafter Umgangston auf Twitter (z.B. zwischen Journalisten und Politikern) täuscht eine “egalitäre Interaktivität” vor, diene letztlich aber der Bewahrung politischer und publizistischer Hierachien. (S. 5)
  • Über Twitter besteht bei richtiger Ansprache durchaus die Möglichkeit, Themen zu setzen, weil viele Journalisten in dem Dienst unterwegs sind (S.64). Studien zum Einfluss von Social Media auf den Wahlkampf in Deutschland gibt es bislang aber nicht. „Gerade weil nicht klar ist, ob und inwiefern der Einsatz von Social Media einem Wahlkampf nützt, würden wir diesen daher als ‚Kür’ der Wahlkampfführung eines bereits etablierten Kandidaten betrachten“, schreiben Siri und Seßler (S. 66 ff.). Zum Einfluss von sozialen Netzwerken auf die Bundestagswahl hat sich auch ZDF-Chefredakteur Peter Frey geäußert.
  • Auf Kritik sollten Politiker (und natürlich auch andere Twitter-Nutzer) nicht beleidigt reagieren, sondern mit Witz, Ironie und einer authentischen Darstellung der eigenen Position kontern. (S. 67)
  • Und zuletzt vielleicht der wichtigste Rückschluss: Wer Twitter nutzt, sollte sich darauf einlassen und Spaß dran haben (S. 65 ff)

| via Tagesspiegel |
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